Aktuelle Themen zu Familie, Soziales und Gemeinschaft

Tafeln in Deutschland: 1,5 Millionen Kundinnen und Kunden bei steigender Armutsgefährdung
Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland nutzen nach Angaben des Dachverbandes Tafel Deutschland regelmäßig die Angebote der mehr als 980 Tafeln im Land. Zeitgleich meldet das Statistische Bundesamt für das Erhebungsjahr 2025 eine Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent – rund 13,3 Millionen Menschen galten demnach als armutsgefährdet, ein Jahr zuvor waren es 15,5 Prozent. Die Zahlen beider Stellen zeichnen ein konsistentes Bild: Die Nachfrage nach gemeinnütziger Lebensmittelhilfe bleibt hoch, und die Träger dieser Hilfe stoßen zunehmend an ihre Grenzen.
Die Tafeln verteilen überschüssige, einwandfreie Lebensmittel aus Handel und Produktion an Menschen mit geringem Einkommen – kostenlos oder gegen einen kleinen Beitrag. Nach der aktuellen Tafel-Umfrage des Dachverbandes engagieren sich dafür bundesweit rund 77.000 Menschen, 94 Prozent von ihnen ehrenamtlich. Pro Jahr retten die Tafeln demnach rund 265.000 Tonnen Lebensmittel vor der Vernichtung und geben sie über mehr als 2.000 Ausgabestellen weiter. Zur Kundschaft zählen Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Rentnerinnen und Rentner, Erwerbslose, Geflüchtete und Aufstockerinnen und Aufstocker. Knapp ein Drittel der Unterstützten sind nach Angaben des Verbandes Kinder und Jugendliche, etwa ein Fünftel Seniorinnen und Senioren.
Armutsgefährdung trifft bestimmte Haushalte überdurchschnittlich
Die amtliche Statistik benennt die Gruppen, die besonders häufig betroffen sind. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) Anfang Februar 2026 mitteilte, hatten 30,9 Prozent der Alleinlebenden und 28,7 Prozent der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Unter Arbeitslosen lag die Quote bei 64,9 Prozent, bei Personen im Ruhestand bei 19,1 Prozent. Als armutsgefährdet gilt nach EU-Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens verfügt; 2025 lag diese Schwelle für eine alleinlebende Person bei netto 1.446 Euro im Monat, für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3.036 Euro.
Berücksichtigt man neben dem Einkommen auch materielle Entbehrung und Erwerbsbeteiligung, waren den Angaben zufolge im Jahr 2025 rund 17,6 Millionen Menschen – 21,2 Prozent der Bevölkerung – von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Ergebnisse stammen aus EU-SILC, der europäischen Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen, die als Unterstichprobe in den Mikrozensus integriert ist.
Hintergrund ist ein anhaltender Kostendruck in Haushalten mit geringem Einkommen. Die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinlebende stieg nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes innerhalb eines Jahres von 1.381 Euro auf 1.446 Euro netto im Monat – ein Anstieg, der die allgemeine Einkommensentwicklung widerspiegelt, an dem sich aber auch zeigt, wo die Grenze für Haushalte mit knappen Budgets verläuft. Methodisch erfasst die Erhebung das Einkommen des jeweiligen Vorjahres; die 2025 veröffentlichten Zahlen beziehen sich damit auf die Einkommensverhältnisse des Jahres 2024. Befragt wurden rund 47.400 Haushalte und gut 81.000 Personen ab 16 Jahren.
Auch die regionalen und sozialen Unterschiede bleiben erheblich: Frauen waren mit einer Quote von 16,7 Prozent etwas häufiger armutsgefährdet als Männer mit 15,6 Prozent, und bei den über 65-Jährigen lag die Quote mit 19,5 Prozent deutlich über dem Gesamtwert. Die Daten gehören zur amtlichen Hauptquelle für die Messung von Armutsgefährdung in Deutschland und der Europäischen Union; Endergebnisse mit weiteren Auswertungen veröffentlicht das Bundesamt zeitversetzt zu den Erstergebnissen.
Ehrenamtliche fehlen – trotz wachsender Helferzahl
Der Dachverband weist auf einen Engpass hin: Obwohl die Zahl der Tafel-Aktiven von rund 75.000 im Jahr 2024 auf 77.000 im Jahr 2025 gestiegen ist, gab knapp ein Drittel der Tafeln in der Umfrage an, nicht genügend Freiwillige zu haben – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Als Gründe nennt der Verband den gestiegenen Bedarf, komplexere Aufgaben und ein geringeres zeitliches Engagement Einzelner. Gesucht werden demnach sowohl Menschen, die im Alltag mit anpacken, als auch solche, die Verantwortung übernehmen und Strukturen vor Ort mitgestalten.
Die Altersstruktur der Engagierten zeigt zugleich eine Abhängigkeit von einer älteren Helfergeneration: 70,3 Prozent der Ehrenamtlichen sind 63 Jahre oder älter, lediglich 8,1 Prozent sind höchstens 35 Jahre alt. 60,5 Prozent der Engagierten sind Frauen. Bemerkenswert ist zudem, dass 17,3 Prozent der Tafel-Aktiven selbst zur Kundschaft gehören.
Um Tafeln bei diesem Aufgabenzuwachs zu stützen, betreibt der Dachverband nach eigenen Angaben mehrere Förderprogramme. Im Berichtsjahr 2025 wurden demnach unter anderem 281 Tafeln über ein Programm zur Standortsicherung unterstützt, dessen Fördervolumen für 2026 auf rund 2,1 Millionen Euro aufgestockt wurde; weitere Mittel flossen in Digitalisierungs- und Logistikprojekte der Landesverbände. Aus einer Pfandspenden-Aktion eines Discounters kamen nach Verbandsangaben seit 2008 insgesamt 36 Millionen Euro zusammen, mit denen bislang rund 4.200 Tafel-Projekte gefördert wurden – im Berichtsjahr allein 386 Anträge mit einem Volumen von rund 3,1 Millionen Euro.
Mehr als Lebensmittelausgabe
Viele Tafeln gehen nach Angaben des Verbandes über die reine Ausgabe hinaus. Projekte zu gesunder Ernährung, Bildungsangebote für Kinder, Cafés, Kleiderkammern oder Möbelbörsen sollen Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Der Verband berichtet unter anderem von einem Bildungsprojekt, das im Berichtsjahr 2025 rund 9.450 Schülerinnen und Schüler an 78 Schulen erreichte. Zum Tafel-Tag am 15. September 2026 rief Tafel Deutschland unter dem Motto „Teilen, um zusammenzuhalten“ zu Spenden und ehrenamtlichem Engagement auf. „Wir teilen Lebensmittel, Zeit und Gemeinschaft mit 1,5 Millionen armutsbetroffenen Menschen“, erklärte der Verbandsvorsitzende Andreas Steppuhn in einer Pressemitteilung zum Aktionstag.
Für die Struktur der Hilfe bleibt die Zusammenarbeit mit dem Handel zentral. Nach Verbandsangaben kooperieren die Tafeln mit Supermärkten, Discountern und Bäckereien; ein Zukauf von Lebensmitteln ist den Tafeln nicht gestattet. Über eine digitale Plattform des Verbandes waren Ende 2025 bereits 11.959 Handelsfilialen angebunden – rund ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor.
Quellen
- Tafel Deutschland e.V. – Zahlen und Fakten zur Tafel-Arbeit (Tafel-Umfrage 2025)
- Tafel Deutschland e.V. – Jahresbericht 2025
- Statistisches Bundesamt (Destatis) – Pressemitteilung Nr. 039 vom 3. Februar 2026: „16,1 % der Bevölkerung in Deutschland sind armutsgefährdet“
- Tafel Deutschland e.V. – Pressemitteilung „Tafel-Tag 2026: Tafel Deutschland ruft zum Teilen und Zusammenhalten auf“



